Micheline
Geschrieben von Patrick Bucher am 10/01/2010
Vor ein paar Tagen lernte ich Micheline kennen. Regelmässig taucht sie im Supermarkt in der Nähe wo ich wohne auf, um Besorgungen für ihre Mutter zu machen.
Obwohl Micheline erst 10 Jahre alt ist, hat sie meist ihren dreijährigen Bruder dabei. Es ist erstaunlich, wie sicher sie mit ihrem Bruder unter dem Arm die viel befahrene Strasse vor dem Supermarkt überquert.
Zuerst spricht sie kaum ein Wort aber nach einer Weile fängt sie plötzlich an zu erzählen:
Sie lebe mit ihren Eltern und 6 weiteren Brüdern und Schwestern in der Favela „Vietnam“ (Favela do Vietnã, Jaboatão dos Guararapes). Ursprünglich seinen es insgesamt elf Kinder gewesen, aber vier seien inzwischen gestorben.
Ich frage sie, ob sie zur Schule gehe und sie sagt ja. Dann erzählt sie, sie arbeite in einem Laden. Obwohl Kinderarbeit verboten ist, sieht man ab und zu Kinder, die beim Einpacken und Tragen der Einkäufe helfen, um so für die Familie etwas dazu zu verdienen.
Gerne würde ich Micheline einmal zu Hause besuchen, aber im Gegensatz zu früher, wo das Risiko noch überschaubar war, hat heute eine Drogenbande die Kontrolle im Quartier übernommen. Kürzlich würde dort sogar ein Fest veranstaltet, finanziert mit den Rekordgewinnen aus den Drogenverkäufen.
Auf dem Heimweg begleite ich Micheline ein Stück. Ihre Mutter kommt uns auf halbem Weg entgegen. Ich übergebe ihr eine Tasche mit Kleidern, die eine Familie in der Schweiz gespendet hatte. Sie freut sich sehr.


