Virtuelle Welt
Geschrieben von Patrick Bucher am 06/04/2009
Es ist Mittag. Weitab vom Getümmel wähle ich einen Tisch im Schatten, um mich hinzusetzten. Ich will etwas essen und in Ruhe über ein paar Probleme nachdenken, die heute Morgen auf einem der Computersysteme im Geschäft aufgetreten sind. Ich bestelle ein Lachsfilé mit Kapern, ein Salat und einen Orangensaft. Hunger ist Hunger, aber letzten Endes möchte man auch auf die Linie achten, oder nicht? Ich öffne meinen Notebook und erschrecke, als plötzlich jemand nahe hinter mir sagt:
“Onkel, hast du etwas Kleingeld?”
“Tut mir leid, mein Junge, leider nicht.”
“Ach bitte, nur soviel, dass ich mir ein Brötchen kaufen kann.”
“Also gut, da. Kauf Dir eins”.
Meine Mailbox ist wieder einmal übervoll mit Emails, die irgend jemand lustig gefunden hat und an alle seine Bekannten weiter leitet, ob sie es wollen oder nicht. Schon bald bin ich mit meinen Gedanken fern von der Arbeit.
“Onkel, bitte bestelle doch Margarine und Käse für mich. Bitte!”
“Ok, aber dann lass mich in Ruhe, denn ich bin sehr beschäftigt.”
Da kommt mein Essen und ich komme der bitte des Jungen nach. Der Kellner fragt: “Soll ich den Jungen wegschicken?”
Mein Gewissen meldet sich und ich sage: “Nein. Lassen Sie ihn hier und bringen Sie uns noch etwas Brot und eine anständige Mahlzeit für den Jungen.“
Der Junge setzt sich zu mir an den Tisch und fragt: “Was machst Du da?”
“Ich lese meine Emails.” Er: “Was sind Emails?”
“Das sind elektronische Nachrichten, die man via Internet an andere Personen sendet.” Ich sehe ihm an, dass er nicht versteht, was ich meinte und um weiteren Fragen vorzubeugen erkläre ich ihm: “Das ist wie ein Brief, aber anstatt mit der Post via Internet”.
“Onkel, Du hast ein Internet?”
“Klar habe ich Internet, heutzutage ist das wichtig.”
“Onkel, wie funktioniert das Internet?”
“Es ist ein Ort im Computer, wo man viele Dinge sehen und hören kann, Nachrichten, Musik, lesen, träumen, lernen, arbeiten. In dieser virtuellen Welt findet man alles.”
“Onkel, was ist virtuell?” Ich überlege mir, was ich ihm für eine Antwort geben könnte, damit ich endlich essen kann und seine Fragerei aufhört. Etwas hilflos antworte ich: “Eine Virtuelle Welt ist ein Ort, der nur in unserer Vorstellung existiert, den wir nicht erreichen und anfassen können. Dort kreieren wir viele Dinge die wir gerne tun würden. Unsere Fantasie ermöglicht uns diese Welt so zu gestalten, wie wir es wollen.”
“Cool, das gefällt mir.” “Na verstehst Du nun, was virtuell ist?”
“Ja Onkel, ich lebe auch in einer virtuellen Welt.”
“Aha, hast Du auch einen Computer?” frage ich etwas erstaunt.
“Nein, aber meine Welt ist auch, äh, virtuell. Meine Mutter ist den ganzen Tag weg, sie kommt erst spät nach Hause und ich sehe sie kaum. Ich muss auf meinen kleinen Bruder aufpassen, der oft weint, wenn er Hunger hat. Meine ältere Schwester geht jeden Tag aus dem Haus und wenn ich sie frage wohin, antwortet sie: “Ich gehe meinen Körper verkaufen.” Aber irgendwie verstehe ich nicht, was sie meint, denn immer kommt sie mit ihrem Körper zurück. Und mein Vater ist im Gefängnis, solange ich mich erinnern kann. Aber immer stelle ich mir vor, wir wären alle zusammen, wir hätten genug zu essen, ich hätte Spielsachen, ich bekäme Weihnachtsgeschenke und ich ginge zur Schule, um einmal Arzt zu werden. Ist das virtuell, Onkel?”
Ich schliesse den Notebook und versuche meine Emotionen zu kontrollieren. Während ich um Fassung ringe, verschlingt der Junge endlich seine Mahlzeit. Später bezahle ich die Rechnung und gebe dem Jungen das Rückgeld.
Er schaut mich strahlend an und sagt: “Danke Onkel, du bist cool!”
In diesem Moment wird mir bewusst, wie es einem doch tagtäglich einfach gemacht wird, in eine „virtuelle Welt“ zu fliehen, während die grausame Wirklichkeit um uns kreist und wir so tun, als würden wir sie nicht bemerken.
